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Einige Begriffe entbehren jeglicher starken Definition; schwammig würde mancher sie gerne nennen. Diese Begriffe entziehen sich einer genauen Beschreibung, denn immer wenn man meint, sie auf einen Punkt festgenagelt zu haben, entgleiten sie einem wieder. Zusätzlich sind sie ständig dabei, sich auf angrenzende Gebiete zu erweitern, die gerade eben noch durch die vermeintlich fest abgesteckten, definitorischen Grenzen von ihnen ausgeschlossen waren. Einer dieser Begriffe ist Design.
Über diesen Begriff abschließend und alle Widersprüche klärend etwas sagen zu können, ist folglich ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder Versuch würde schlussendlich nur ein normatives Regime in die Sinnlichkeit und Techniken einziehen, die diesen Begriff umgeben, und ihn am Ende innerhalb dieses festen Rahmens zum Erstarren bringen. Es würde die unbegrenzten Möglichkeiten des Designs begrenzen und ihm das Potential seiner Unbestimmbarkeit rauben. Trotzdem fordert das Designs, diese undisziplinierbare Disziplin, mein Nachdenken über es geradezu heraus – indem es mich immer wieder durch das Schillern seiner Unberechenbarkeit anlockt, um mir im nächsten Moment die kalte Schulter seiner gleichgültigen Selbstvergessenheit zu zeigen – dass ich nicht umhin komme, diesen Begriff aus meiner Perspektive beschreiben zu wollen, beziehungsweise es wenigstens zu versuchen. Zum einen will ich dies tun, um mir selber klarer über die verschiedenen Implikationen meiner Vorstellung des Begriffes zu werden, die ich am Rande meines Blickfeldes bisher nur erahnen konnte. Zum anderen soll die Beschreibung genau diese Vorstellung eines bestimmten, offenen Designbegriffes verteidigen. Nicht dass das Design an sich meine Bemühungen um sich nötig hätte. Design ist Trend, Buzz, Lifestyle, Thinking. Kurz: Design kann alles sein und alles will Design. Es ist zum paradigmatischen Topos unserer Zeit geworden. Noch nie in der Geschichte lag die Gestaltbarkeit der Dinge so offenkundig zu Tage. Genau hier setzt meine Verteidigung eines ungreifbaren Designbegriffes an, in zwei verschiedene Richtungen. Die Offenheit des Designs weckt Ressentiments eines Idealismus, der ihm Oberflächlichkeit und Marktnähe vorwirft und nach klareren Wertungen verlangt. Es wird eine Politisierung der Ästhetik gefordert und dies mit den gleichen Gründen  untermauert, mit denen an anderer Stelle vor einer Ästhetisierung der Politik gewarnt wird. Gegen diese Kritik von oben muss das Design verteidigt werden, das sich nicht in den Dualismen von Wesen/Gestalt und Funktion/Form verfängt, das ein Design der unbestimmt vielfältigen Differenzen ist und Potentialität offen hält. Andererseits – und dies wäre die zweite Front, an der sich meine Beschreibung entlang bewegen wird – kann diese Differenz des Designs nur als eine bestimmte Differenz umgesetzt werden. Wenn es auf dem Markt egal wird, wie die Dinge aussehen, solange sie nur neu und anders sind, wird aus einer bestimmten Differenz gleichgültige Indifferenz. In diesem Modus der Gleichgültigkeit werden nur noch individuell anmutende Diversitäten designt. Auch gegen diese Indifferenz-Spirale nach unten, deren Anknüpfungspunkt der Offenheit des Begriffes geschuldet ist, will ich einen bestimmte Idee von Design stellen, die ihre Verstrickung im Markt nicht leugnet, aber immer dazu in der Lage ist, über diese hinaus zu wachsen.
Als Einleitung und Erläuterung meines Standpunktes sollte dies genügen. Der Designbegriff, den ich zu beschreiben versuchen werde, soll auf die verschiedenen Disziplinen des Designs anwendbar sein und sich nicht nur auf meine eigene Teildisziplin, das Grafik-Design, beschränken. Gleichzeitig widerstrebt ihm aber Allgemeingültiges. Meine Ausführungen sollen ein Potential in jedem Design beschreiben, dass sich aber in verschiedenen Dingen ganz speziell zeigt. Die Form, die der Beschreibung eines ungreifbaren Begriffes angemessen scheint, ist die einer offenen Liste von kurzen Anmerkungen.

    1. Design ist im allerbesten Sinne oberflächlich. Es strebt weder nach Grundlegendem, noch stellt es allgemein gültigen Prinzipien auf. Es gibt nichts am Design, das nicht auch vollkommen anders sein könnte. Manchmal reagiert es auf Kontexte, bezieht sich vielleicht auf Vorheriges oder verwertet eventuell Vorgefundenes. In seiner Oberfläche ziehen sich Innen und Außen zusammen.
    2. Es gibt kein Design ohne Re-Design. Jeder Entwurf realisiert sich als eine auf begrenzte Dauer gestellte Vorläufigkeit. Besonders jene Objekte, die explizit als Design-Objekte benannt werden, zeigen durch das Zur Schau Stellen ihres Gestaltetseins, dass sie gestaltbar sind und immer auch anders sein könnten, als sie es vorläufig sind. Durch das Design schreibt sich Kontingenz in die Alltagswelt ein.
    3. Design kommt niemals zuerst. Design kommt aber auch nicht erst zum Schluss, da es im besten Fall keinem in seiner Hierarchie linearen Zeitablauf folgt. Es überwindet die Gegenüberstellung von Materie und Form, denn beide provozieren sich gegenseitig. Im Entwurfsprozess zeitlich trennen zu wollen, welche der beiden zuerst kommt, ist vergebliche Liebesmühe.
    4. Ebenso wenig sinnvoll ist es für meinen Designbegriff, den Entwurfsprozess selber analytisch zu schematisieren und ihn mit dem groben Werkzeug meiner Beschreibung zu sezieren. Für einen offenen Designbegriff gibt es so viele Entwurfsprozesse, wie es Design-Objekte gibt.
    5. Design ist immer das Design von etwas. Wobei sich dieses etwas auch immer erst vollständig im Design verwirklicht. Design hat einen Inhalt, der sich aber erst im Design zeigen kann. Design hat eine Aussage, die aber erst durch das Design verstanden wird. Und Design verweist auf Anderes, ist Anspielung von etwas. Design lässt sich also als Medium beschreiben.
    6. Ein Medium in dem Sinne, als das es die Dinge so für uns anordnet, dass sie Teil unserer Erkenntnis werden können, weil Design für uns die Unterschiede bereitstellt, mit dem wir die Dinge voneinander unterscheiden können.
    7. Wie jedes artifizielle Medium, dass Artefakte hervorbringt, wird Design als Medium vom Medium der Sprache bestimmt. Nicht die generelle Wahrnehmung von Design, aber die strukturelle, begriffliche Unterscheidung und Wertung beinhaltet Sprache.
    8. Der selbstnobilitierende, historische Verweis auf Vasari, für den das Disegno der Vater aller Künste war, gilt nicht für das Design, welches Ich beschreibe. In meiner Version des Designs gibt es keine Universalgelehrten, keine Künstlergenies und da Vinci war mit Sicherheit nicht der erste Designer. Design hat rein gar nichts Nobles an sich.
    9. Design wird durch Moden bestimmt. Dadurch erhält es etwas Transitorisches. Es ist an die kurzen Zeitintervalle, die Trends, die Looks der Saison gebunden, die das Leben aller in Schwingung versetzen. Zeitloses Design wäre ein Widerspruch in sich.
    10. Design ist im höchsten Maße künstlich. Es zählt mit Sicherheit zu den künstlichsten Dingen, zu denen der Mensch natürlicherweise fähig ist. Diese Künstlichkeit ist die Kunstfertigkeit, die das Design fordert. Es ist eine Disziplin der radikalen Achtsamkeit.
    11. Diese radikale Achtsamkeit ist mit der technischen Reproduzierbarkeit und der Zielrichtung des Designs eng verbunden. Design bedeutet wortwörtlich eben auch Planung. Jedes Design muss irgendeiner Logik folgen. Häufig folgt es sogar mehr als nur einer.
    12. Eine das Design bestimmende Logik ist gleichzeitig auch das, womit ich die Vorstellung eines Zweck des Designs ersetzen möchte. So geradlinig Design auch vorgeben mag zu sein, es ist niemals so zielgerichtet wie der rein funktionale Zweck. Verschiedene Logiken können sich überlagern, ein Zweck kann sich nur erfüllen oder eben auch nicht. Alleine: so nützlich ist Design nicht.
    13. Funktionalität ist nur eine der verschiedenen Logiken, die viel zu lang als das Hauptaugenmerk des Designs angesehen wurde. Nur leider gibt es die Funktionalität nicht destilliert von den anderen, die das Design bestimmen. Ein gutes Beispiel ist eine Pfeffermühle. Zuhause in der Küche ist es eine ganz profane, alltägliche Handlung. Beim Lieblingsitaliener wird das Pfeffermahlen durch die riesige Mühle aber zu einem hoch stilisierten, besonderen Akt. In beiden Fällen hat man die Funktionalität nur über das Design und als ein Teil von ihm vermittelt.
    14. Gleichzeitig oszilliert Design zwischen subjektivem Empfinden und objektiver Planung. Gerade weil es sich weder auf das eine noch auf das andere festlegt, weil es zwischen beiden hin und her schwingt, wird es kritisierbar. Design kann weder Absolution durch die harten Fakten gewinnen, noch kann es die Autonomie der freien Wahl für sich in Anspruch nehmen.
    15. Perfektionismus ist eine gute Ausrede für Designer, um diesen Zwiespalt zu umgehen. Und es stimmt auch, dass perfektes Design das Auge anspricht. Allerdings leugnet man so, dass es gerade der Bruch mit der Perfektion ist, der ein Design wirklich interessant macht.
    16. Denn gerade dieser Zwiespalt – zwischen berechenbarer Planbarkeit und ästhetischer Willkür – macht Design-Objekte zu uns angehende Gegenstände. Weil sie diesen Zwiespalt nicht verbergen können, müssen sie uns auf Augenhöhe begegnen und in dieser Direktheit wecken sie in uns die Lust zur Interpretation und brutalen Kritik.
    17. Weil Design uns so anspringt, uns unmittelbar in unserem Alltag betrifft, fühlt sich jeder dazu berechtigt, etwas über Design sagen zu können. Dem ist auch so. In seinem Sprung zielt das Design auf das individuelle Empfinden. Beim Anlauf nehmen muss es aber mit allgemein gültigen Gegebenheiten rechnen, um schlussendlich zu gefallen. Es verlässt sich darauf, dass sich jeder ein Urteil über es bilden kann.
    18. Design kann nicht anders, als zu kommuniziert. Seine Expressivität leiht es sich vom menschlichen Leben selbst, welches auf Grund seiner Exzentrizität tendenziell einen Überschuss an Ausdrucksphänomenen in sowohl der lebendigen als auch der toten Materie wahrnimmt. Da unsere Wahrnehmung der Welt so angelegt ist, dass wir regelrecht einen Ausdruck in ihr wahrnehmen wollen, kommuniziert sie mit uns.
    19. Mein offener Designbegriff ist in dem Maße beschränkt, als dass ich ihn nur auf das menschliche Leben beziehe. Eine Spinne, die ihr Netz baut, reflektiert nicht über die Bedeutung ihres Netzes und stellt es auch keiner anderen Spinne zur Verfügung, die wiederum sowohl die Kreation als auch die andere Kreatur bewerten würde. Design braucht aber diese reflektierende Distanz zu sich selbst. Solange wir also keinen exzentrischen Aliens begegnen, beschränkt sich mein Designbegriff auf den Menschen.
    20. Da Design nur über geliehene Expressivität verfügt, weil es erst gemacht werden muss, ist es absolut sozial und genauso sozial konstruiert. In ihm sedimentiert sich die Gesellschaft, aus der es kommt, und es ist ein stabilisierender Teil dieser Gesellschaft, wie ein Skelett.
    21. Design erzeugt wahrnehmbare Unterschiede im Alltag der Menschen. Design ist essenziell auch Verwirklichung eines Lebensstils, aber immer eines Stils unter vielen. Es ist die vornehmste Aufgabe des Designs, erkennbare Differenz zu erzeugen.
    22. Design verwirklicht sich als eine bestimmt Differenz aus einer nicht unendlichen aber unbestimmten Anzahl von Möglichkeiten. Die Bestimmtheit der Differenz und die Unbestimmtheit der Möglichkeiten verleihen dem Design emanzipatorisches Potential.
    23. In diesem Sinne findet sich im Design eine demokratische, bzw. demokratisierende Meta-Ebene. Indem jede Differenz die Unbestimmtheit ihrer Möglichkeiten miteinschließt; dadurch, dass jede Differenz bestreitbar bleibt, kann Design ein Bewusstsein für Veränderbarkeit vermitteln.
    24. Diese Differenz im Design darf nicht alleiniger Zweck des Designs sein. Ist sie es doch, verkehrt sich eine bestimmte Differenz dialektisch in Indifferenz, denn es kann dem Design niemals egal sein, wie die Dinge aussehen, solange sie nur anders oder neu sind.
    25. Die Bestimmtheit der Differenz wertet die anderen Möglichkeiten, die das Design zur Verwirklichung hat, nicht ab. Die Differenz kennt keine Beste unter allen Lösungen. Sie kann angemessen, richtig, schön und gut sein. Bei wirklich gutem Design ist sie das alles zusammen. Sie ist aber niemals die einzig mögliche und somit auch niemals die Beste.
    26. In der Bestimmtheit der Differenz lässt sich auch der Überschuss der Gesellschaft ablesen. Denn Design kann niemals universal sein. Dann wäre es wieder beliebig. Die Differenz würde ihr Potential verlieren. Auch wenn Design global anmuten will, muss es lokal entspringen. Die globale Anmutung, der internationale Stil, ist meistens auch nur ein westlicher, eine Ästhetik unter vielen.
    27. Design fürchtet sich nicht vor Kitsch. Denn gutes Design muss niemals ernsthaft aber immer ernst gemeint sein. Solange der Kitsch also aus vollem Herzen des Designs stammt, muss es sich nicht davor in Acht nehmen. Es bleibt die Frage, ob es dann noch Kitsch wäre. Hier kann ich nur auf einige andere, sontägliche Anmerkungen verweisen.
    28. Design lässt sich gut verkaufen. Der Designeranzug, das Designerfood und das Designermöbel sind Dinge, die man tatsächlich im Wörterbuch finden kann. Dies ist der Offenheit des Designbegriffes geschuldet. Er ist wie ein Sammelbegriff für alles, was das schöne Leben wertvoll macht. Es ist die Sorge um die Details, die Überlegung der Materialien und eine generelle Fürsorge, die ihm diesen Wert verleihen. Genau dieser Wert lässt sich in den monetären Mehrwert übersetzen. Wie bei jeder Übersetzung geht auch hierbei etwas verloren.
    29. Die Offenheit des Begriffes bedeutet aber nicht, dass es keine Bewertungskriterien für das Design gäbe. Denn es kann kein Design geben, das ohne eine souveräne Entscheidung entstanden ist. Diese Entscheidung kann beurteilt werden. Zu designen heißt, Rechtfertigungen für Entscheidungen zu entwickeln.
    30. Offen bleibt das Design aber trotz der souveränen Entscheidung. Denn jede bestimmte Entscheidung trägt weiterhin die unbestimmte Anzahl der Möglichkeiten ihrer Divergenz in sich. Es ist also nicht ein entweder souveränes oder offenes Design, es ist sowohl als auch.
    31. Und auch wenn Design niemals selber für den Kontext sorgen kann, muss es sich doch um den Kontext sorgen. Dies ist ebenfalls ein Bewertungskriterium, da die bestimmte Differenz erst in der Relation ihre Kraft gewinnen kann.
    32. Design lässt sich von Kunst unterscheiden. Ein offener Designbegriff ist nicht mit einem Begriff von Kunst gleichzusetzen. Und obwohl sie von vielen Seiten angezweifelt wird, instituiert sich auch ein offener Designbegriff durch die Trennung zwischen Kunst und Design, ohne dabei die Grauzonen außer Acht zu lassen.
    33. Denn auch wenn die Grenze so wunderschön schwammig verläuft, so lässt sie sich doch beschreiben. Und um den Aufschrei vieler zu besänftigen, die durch diese Abgrenzung eine Degradierung des Designs befürchten: es ist gerade die Abgrenzung zur Kunst, aus der das Design seine ganz eigenen, kunstfremden Potentiale gewinnen kann.

tbc …