Was man mit Design machen kann? Eine gute Frage. Vor allem eine, die Eltern besonders gerne stellen. Und jedes Mal erwischt es einen dann doch eiskalt und man ist um eine eindeutige Antwort verlegen. Gerne schiebt man das dann auf die laienhaften Kenntnisse der Eltern von dem, was Design eigentlich ist. Eben gerade nicht die Kunst, sondern schon was »Richtiges« mit dem man auch was anfangen kann. Will man doch als Dienstleister später einmal Geld verdienen, das ist besonders wichtig. Und bei aller Liebe, die ein Designer für seine Profession haben muss, können die meisten doch nur schwer beschreiben, was sie genau machen. Meistens alles. Ist dann nicht gerade die Frage nach der Funktion des Designs gerechtfertigt? Und erschöpft sich diese im Ausführen eines Auftrages und den ökonomischen Zielen des Auftraggebers?

In der Frage nach der Effizienz und den wirtschaftlichen Effekten spiegelt sich eine allgemeine Einschätzung von Design wider. Bei all dem Wirbel um Trends wie »Design Thinking« wird in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, dieser erste, poetische Teil der Paarung immer noch ein wenig als schöngeistige Oberflächlichkeit abgetan. Oberflächlich im Vergleich zu seinem Gegenpart, dem logischen und analytischen Denken. Denn eigentlich ist Deutschland das Land derer, die dem »Thinking« dem Vorrang vor dem Design geben und den Dingen wirklich auf den Grund gehen, da sie besagte Dinge selber konstruieren: das Land der Ingenieure. Design ist dann lediglich das funktionale Make-up für die Maschinen und hat nur eine Berechtigung wenn es zusätzliche ökonomische Vorteile ermöglicht. So ist »Made in Germany« zwar auf der ganzen Welt ein Inbegriff von Qualität. »Designed in Germany« ist für die meisten aber nur die ironisches Ableitung des Gütesiegels, sowie das Bauhaus für sie ein Baumarktkette bleibt.

Gerade deswegen lohnt sich für Gestalter der Blick zu unseren Nachbarn in die Niederlande, wo sich für Design ganz andere Voraussetzungen finden. Sie sind ein kleineres Land mit weniger Industrie, das sich schon immer mehr auf den Handel und – wenn man so will – auf die Kommunikation konzentrieren musste. Und so hat auch das niederländische Grafikdesign eine ganz eigene Qualität und erfährt eine andere Wertschätzung, nicht nur durch ein gesteigertes Bewusstsein der Bevölkerung für dieses kreative Potential, sondern durch tatsächliche Unterstützung der Regierung, die dem Glauben an ans Design auch Taten folgen lässt. Sie sieht in den Niederlanden den Schmelztiegel der Creative Industries und den Vorreiter für neue kreative Lösungen in vielen verschieden gesellschaftlichen Bereichen. So steht auch das weltweit erste Design Museum in der kleinen Stadt Breda, nicht weit von Rotterdam.

Die Ausgangssituation ist hier im Vergleich zu Deutschland also eine andere. Vielleicht kann sich Richard van der Laaken deshalb viel selbstbewusster, enthusiastischer, nicht nur im Stillen und privat die Frage nach den Möglichkeiten des Grafikdesigns stellen, sondern aus der Antwort auf diese Frage direkt ein ganzes Festival machen. ‚What Design Can Do!’ findet alljährlich überraschend zentral und sehr präsent in der Amsterdamer Staatschauburg statt. Und noch überraschender ist, was das Festival alles unter der weit gespannten Schirmherrschaft des Designs versammelt. Nach der Eröffnungsrede der niederländischen Kultusministerin, in deren Augen Designer »kompetente Rebellen« sind, beginnt Daisy Ginsberg ihren Vortrag – und man könnte kurz meinen, man sei auf der falschen Veranstaltung gelandet – über Biologie. Und das, obwohl sie selber Designerin ist. Ein erster Widerspruch, der zwischen unbeschwertem Design und ernster Naturwissenschaft, ist in Personalunion direkt widerlegt. Denn so wie andere verschiedene Farben und Schriften kombinieren, arbeitet Ginsberg mit mikroskopischen Bakterien und nennt das ganze ‚SyntheticAesthetics’. Was eine Designerin wie Ginsberg kann? So ziemlich alles von optimaler Nahrungsergänzung bis hin zur Diagnose von Krebs dank bunter Bakterien im Stuhl, von welchem Ginsberg direkt eine (glücklicherweise verpackte) Probe mitgebracht hat.

Ginsbergs Linie eines Designs als Planungs- und Entwurfsprozess folgend, berichtet Richard The, ein junger deutscher Designer, vom Entwicklungsprozess des Interfacedesigns für die Google Glasses, dem neusten Coup des amerikanischen Unternehmens für die Erweiterung der realen durch die digitale Welt. Wie viel darf sich eigentlich auf so einem Brillenglas abspielen, ohne dass der Benutzer jeden Abend mit Kopfschmerzen nach Hause kommt? Und wann lässt man ihn mit zu wenig Design und Anleitung im Dunklen stehen? Hier die richtige Balance zu finden ist auch Aufgabe des Designers, der zum Planer der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik wird.

Einen ganz anderen Blick als den des strategischen Planers hat der Stargast des ersten Tages, der Modedesigner Paul Smith. Bei der Beischreibung seines Werdegangs – eigentlich wollte er Radrennfahrer werden – vom verunglückten Verkäufer in einer kleinen Nottinghamer Boutique, der sich an einem Tag der Woche Zeit für seine eigenen Designs nahm, zum Designer und Leiter eines weltweiten Modelabels wird eines klar: Wer nicht spielt, hat schon verloren! Sei es das Design für einen neuen Stoff, das er in dem Mosaik einer kleinen Kirche in Italien entdeckte, oder der sportliche Schnitt für ein neues Shirt: Inspiration findet man als Designer überall. Und wenn man sie nicht findet, dann hat man nur nicht richtig gesucht, so Paul Smith. Ähnliches kann auch Designgröße Michael Beirut, Partner der New Yorker Agentur Pentagram, berichten. Geh deinen Weg und setz’ dich gleichzeitig ernsthaft mit deinen Kunden auseinander. Denn ein Designer ist gleichermaßen ein Geschäftsmann wie er auch ein kreativer Berater ist. Und selbst wenn es oft nur eine Frage des guten Geschmacks ist – und bei Beirut ist dieser definitiv in Schwarz/Weiß – dann muss man das als Designer doch begründen und sein Gegenüber von der Qualität dieser Entscheidung überzeugen können. Vieles von dem, was Design ausmacht, liegt also in den Feinheiten und Details, um die sich kaum jemand sonst Gedanken machen kann und möchte. Sei es die Architektur eines Hauses mit tatsächlich atmenden Wänden oder der gekonnte Aufbau eines typographischen Layouts – liest doch eh keiner, zählt hier nicht als Ausrede. Denn Design wird gelesen, bewusst oder unbewusst, und beeinflusst so die Lebenswelt aller. Das bezeugen die vielen Gestalter und deren Beispiele bei ‚What Design Can Do!’.

Sosehr die Lesbarkeit der Dinge auch dem Design geschuldet sein mag, bleibt bei dieser Fülle an möglichen Designprofessionen, die das Festival präsentierte und bei den weiteren, die man eigentlich nur selber erfinden muss, um sie auszuüben, die Frage, ob das wirklich alles noch Design ist? Denn nach allen diesen großartigen Beispielen scheint kaum etwas übrig zu bleiben, das Design nicht kann. Damit ist man einer konkreten Antwort auf die Frage, was Design genau kann, aber auch nicht näher gekommen.

Die Annahme, dass man von der Biologie über die Architektur und Städteplanung bis hin zur Anzeigengestaltung von »Design« sprechen kann, scheint die Fähigkeiten des Entwerfens zu adeln. Vielleicht wird hier aber nur die Dehnbarkeit des Begriffes »Design« bis zum Zerreißen ausgetestet. So bemerkt auch Lucas Verweij in seinem kritischen Vortrag zum Ende des Festivals die Inflation des Designs, vom Service-Design über Nail-Design bis hin zum – Achtung Jetzt Neu! – Drogen-Design, und die damit verbundenen, fälschlicherweise aufgebaute Hoffnung, dass Design alle Probleme der Welt lösen könnte. Es mag zwar lobenswert sein, wenn ein Designer sich vornimmt, aus dem Plastikmüll an Stränden Möbel zu bauen; das Problem der Umweltverschmutzung wird er damit aber nicht lösen. Viel schlimmer noch, indem sein Design oberflächlich an den Symptomen arbeitet, verschleiert es diese Probleme während es vorgibt, sie lösen zu wollen. Und wann hat Design sich eigentlich jemals wirklich viel aus Umweltschutz gemacht? Aus dieser Sichtweise kann zu viel Design auch zum Problem werden.

Selbst nach ‚What Design Can Do!’ ist man weiterhin auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Design kann. Und damit verbunden die Suche nach deer Antwort auf die vielleicht viel wichtigere Frage, was man als Gestalter durch sein Design erreichen will. Sind alle Probleme der Welt durch Design lösbar? Und will man sie überhaupt durch Design lösen?

In der Frage nach der Funktion des Designs und seiner vorgeblichen Fähigkeit für jedes Problem die passende Lösung zu finden, spiegelt sich eine sehr militärische Sichtweise von planerischer Gestaltung wider. Geradeso, als müsste man Design nur richtig auf die Gegebenheiten und die Bevölkerung anwenden, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Ein solcher Ansatz würde früher oder später zum totalen Design führen, bei dem man sich immer wieder fragen müsste, welcher allwissende Planungsmeister dieses optimal funktionale Design eigentlich vorgibt.

Design kann keine determinierte, optimale Funktionsweise besitzen, die einfach immer nur wieder auszuführen wäre. Würde Design jedes Mal mit dem Entwurf des Designers enden, wäre dies das Ende jeglicher Entwicklung. Denn wenn die Gestaltung von Dingen eines klar macht, dann, dass diese Dinge auch immer anders gestaltet sein könnten als sie es gerade sind; dass es eine optimale Form vielleicht gar nicht gibt. Gerade da, wo eine Gestaltung abgeschlossen zu sein scheint, öffnet sich der Spielraum für Fehl- und Neuinterpretationen durch jeden neuen potentiellen Nutzer. Keiner bringt das besser auf den Punkt als Karl Lagerfeld: »Du musst immer damit rechnen, dass die Frauen auch die Kleider tragen werden, die du entworfen hast.« Und auch die Zeit tut ihr übriges. So gibt es keine Marke ohne Re-Design und selbst Chanel brauchte damals Karl, um zu neuem Glanz zu finden.

Vielleicht erweitert sich der Designbegriff auch deshalb immer weiter auf neue, ihm fremde Felder und Möglichkeiten. Denn vieles, was das Können des Designers ausmacht, ist auch genau sein Gegenteil. Im Designprozess spielen das Nicht-Können, das Ausprobieren, die Eroberung unbekannten Terrains und offene Fragen statt definitiven Antworten eine entscheidende Rolle. Gerade hierin liegt doch die Stärke des Designs, als Disziplin zwischen Kultur und Technik, zwischen Ästhetik und Wissenschaft. Im Nicht-Können. So versuchte Design schon immer, neue visuelle Ausdrücke für gesellschaftliche Gruppen zu finden, die vorher keine Beachtung bekamen. Ein eigenes Design, eine eigene Mode und ein eigener Ausdruck ermöglichen Identifikation mit einem neuen Lifestyle, im positivsten Sinn mit einem neuen Lebensgefühl. Durch das Stellen von neuen Fragen und das Ausprobieren von möglichen Antworten öffnet sich das Design einer neuen Zukunft. Durch das Design hindurch ist diese offene, neue, potentielle Zukunft für Andere nicht nur logisch begreifbar, sondern auch ästhetisch erfahrbar. Deswegen sind die Funktionen des Designs auch so schwer festzunageln. Weil es immer auf der Suche nach neuen Funktionen und Aufgaben ist. Diese können sowohl vom Gestalter selbst, als auch von einem Auftraggeber kommen. Gleichzeitig bleibt Design für alle zugänglich, ist durch die Setzung einer möglichen Antwort und das Schaffen neuer Identitäten immer eine Tätigkeit, die Einfluss auf die Gesellschaft nimmt. Und durch diese neuen Antworten, die gleichzeitig auch immer neue, offene Fragen sind, kann Design neue Diskurse und Veränderungen anstoßen. Über dieses Potential sollten sich Designer bewusst werden.

Karl Marx sagte einmal, dass Philosophen nur über die Welt nachdenken würden. Vielleicht können Designer sie mit Rückgrat und echter Haltung, stets im Klaren über die eigenen Grenzen, vorausschauend beeinflussen und so schließlich auch die Welt verändern. Meinen Eltern werde ich eine einfache Antwort schuldig bleiben und ja, es gibt sicherlich einfachere Wege, Geld zu verdienen.